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Fundstücke. Über
99 Bilder - 3 Reisen & ein Ende
Eva Brunner-Szabo
Vorweg: Mich faszinieren
alte Photos.
"Zeitlich Entlegenes
hat zueinander gefunden, geographische Entfernungen sind aufgehoben, fremde
Personen begegnen sich erstmals - die ungleichen Stücke vollbringen ein
Miteinander, das surreal anmutet."1
Ich liebe es, Geschichten zu konstruieren: Später, ich stand gerade in
einem Museum für afro-brasilianische Religionen, erfasste ich die Ungeheuerlichkeit
dieser Bar. An vorletzter Stelle, an einer Schautafel der Götter des Candomblé
stand der Name Preto Velho. Ich war also in der Bar eines lebendigen Gottes
gewesen.
Ich arbeite gerne detektivisch-wissenschaftlich.
"Diese besondere Betrachtungsweise ist offensichtlich an die Tatsache gebunden,
dass Marlowe ein Detektiv ist, der ein Geheimnis zu lösen versucht; er
untersucht das Bild Carmens und behandelt es von einer Position aus jenseits
des ursprünglichen Milieus, jenseits der spezifischen sozialen Institution,
in der das Bild hergestellt wurde und zum Gebrauch bestimmt war."2
Unter diesen drei Prämissen ist die Entstehungsgeschichte des Videos "99
Bilder - 3 Reisen & ein Ende" zu sehen.
Der Beginn: Ich kaufte alte Photographien, eine Art Album, 99 Stück an
der Zahl, aus den Jahren 1901-1913. Die Photographien nicht in der Art, wie
man Bilder aus dieser Zeit kennt, sondern Schnappschüsse - eine Mittelmeerreise,
Militärbilder, Familienphotos, ethnographische Bauernaufnahmen, ein Jugendstilhaus
in der Slowakei. Einige Photos hatten Bildunterschriften - Ortsnamen, Kommentare
oder Jahresangaben - nur über den Photographen fand sich nichts, keine
Bildunterschriften, kein Selbstbildnis, nur einige Male sein Schatten.
Wer war die Person, die diese Photos gemacht hatte? Ich begann zu recherchieren;
wegen der Militärbilder im Kriegsarchiv, wegen der Mittelmeerreise in Schiffs-Zeitungen,
wegen der Namen in alten Adressbüchern. Konstruierte meine/seine Geschichte:
Er war beim Militär, ein Hauptmann, stationiert in Laibach, Graz oder Klagenfurt.
Seine Hochzeitsreise führte ihn rund ums Mittelmeer. Ein Jahr später
wurde sein erster Sohn geboren. Drei Jahre darauf wurde er nach Eperjes versetzt.
So versuchte ich, detektivisch alle Bruchstücke zu einer Person zusammenzufügen;
aber es ergab sich nie ein vollständiges Bild, es passte nie alles richtig
zusammen. In Anlehnung an V illem Flusser ( betrachtet man Bilder naiv, so werden
sie selbst zur Welt) 3 brachte mich das Jugendstilhaus auf dem Photo dann auf
die Idee, die Suche auf einer anderen Ebene fortzusetzen, an den Ort zu reisen,
wo dieses Photo aufgenommen worden war.
Bis jetzt gab es
kein Drehbuch, es gab nur die Geschichte und die beiden Protagonisten: den anonymen
Photographen und die Detektivin. Erst an diesem Punkt beschloss ich daraus eine
Geschichte mit Video zu machen, die Suche nach dem Haus und dem Photographen
mitzufilmen. Meine eigene Geschichte aufzuzeichnen, während ich zu den
Wurzeln der Bilder reiste; Dokumentarisches mit löchriger Fiktion zu verbinden.4
Es ging mir aber nicht nur um die Reise in der Gegenwart (Reise 1 - Video) und
um des Photographen Mittelmeerreise (Reise 2 - Photographien), sondern vor allem
um die Reise in die Vergangenheit (Reise 3 - die Geschichte). In meiner Vorstellung
über den Ausgang der Reise hatte ich verschiedene "Enden" schon im
Kopf. Je nach Ende herrschte ein Medium vor - was mich in der Slowakei erwartete,
wusste ich nicht.
Wie es bei detektivischer
Arbeit oft ist, ergab sich für das Ende eine unerwartete Wendung: ich fand
zwar das Haus vom Photo, aber über den Photographen erfuhr ich nichts.
Niemand kannte ihn; aber die im Titel des Videos schon intendierte dritte Reise
wurde Realität. Während der Suche nach dem Photographen in Eperjes
stieß ich auf ein 9 1/2 mm Filmdokument aus den Dreißiger Jahren,
einen Zeppelinflug von Friedrichshafen nach Rio de Janeiro.
Das Ende war: eine
neue Geschichte.
1 Timm Starl: Der Faden
des Gedächtnisses, S.12; in: Hg. Martin Heller: Welt-Geschichten, Zürich
1989
2 Peter Larsen: Der private Blick, S.7; In: Fotogeschichte H.38/1990
3 vgl. V illem Flusser: Für eine Philosophie der Fotografie, S.38, Göttingen
1989
4 vgl. Michael Palm: Das Schweigen der Sphinx, S.12; In: Der Standard 22.4.1993