montage 1/1991, S.16/17

Eva Brunner-Szabo, 99 Bilder 3 Reisen und ein Ende


"Die Fotografie ist nicht mehr das Bild eines Gegenstandes oder eines Lebewesens, sondern, viel genauer, seine Spur." (André Bazin)

Um das Verfolgen einer Spur soll es in diesen Bildern gehen. Ausgangspunkt: 99 Bilder, alte Fotografien (darunter eine Reise durch Italien und das Mittelmeer), gemacht von 1901-1913, gefunden und gekauft 1990 am Flohmarkt in Wien.

Durch das oftmalige Ansehen der Fotografien, durch ihre Untertitel und Beschriftungen kam so etwas wie Nähe auf. Während erster Recherchen in Wien ensteht eine Geschichte über den Fotografen, den noch anonymen Fotografen, über sein Leben, seine Reisen, seine Arbeitsweise. Sein Name (von Strosse?), sein Wohnort (zuerst Graz, dann Eperjes), sein Beruf (Offizier) sind nur Vermutungen, aber sie könnten auch der Wahrheit sehr nahe sein. Wie bei einem Puzzle entsteht ein Bild, aber solange der letzte Stein nicht gesetzt ist, ist es nicht fertig.

Die Spur führt nach Eperjes/Ungarn, in eine Stadt, die es heute nicht mehr gibt. Sie hat ihren Namen geändert und liegt in einem anderen Land. Heute heißt sie Presov/CSFR nahe der russischen Grenze.

Fasziniert von diesen alten Bildern, die magisch wirken, entstand die Idee, die noch fehlenden Puzzlesteine zu suchen und zu den Wurzeln der Bilder zu reisen und dies mit Video aufzuzeichnen, einen Film darüber zu machen. Es geht aber nicht nur um die Reise in die Vergangenheit, sondern auch um die Reise in der Gegenwart und um den Verbindungsfaden der beiden; um Reisedokumentationen gestern mit Fotos - und heute mit Video.

Aber was mich in Presov erwartet, weiß ich nicht.

Es soll eine Suche nach dem Ursprung der Fotos mit Video stattfinden. Spaziergänge durch die Stadt, Befragen von den alten Bewohnern des Ortes, der Gang auf das Gemeindeamt. Die Videokamera ist dabei, geht mit auf die Suche und dokumentiert: Straßen, Plätze, Menschen, Situationen.

Für das Ende gibt es mehrere Varianten:

Bilder finden zu Bildern. Ich finde das Haus und die Familie des Fotografen. Sie haben die gleichen Bilder wie ich. Die letzte Einstellung: zwei Hände mit Fotos, ihre und meine. Das Bild wird eingefroren. Vergangenheit wird zur Gegenwart und Gegenwart wird zur Vergangenheit.

Ich finde zwar Haus und Familie, aber sie haben keine Bilder oder andere Leute wohnen in dem Haus. Die letzte Einstellung: das Haus.

Ich finde weder die Bilder noch das Haus, es kommen keine Fotos mehr vor. Die letzte Einstellung ist: die Suche nach den Bildern irgendwo in der Stadt. Was bleibt von den Bildern ist die Stadt mit dem neuen Namen.

Ich finde weder die Bilder noch das Haus, aber Hinweise auf den Fotografen und/oder seine Familie. Die letzte Einstellung ist: ?