Filmzeit 6/97-98, S.10-13

Ad marginem.
Disparate Bild- und Ton/Inform/ation/en zur <Shoah>

Bernhard Sallmann

1.

Ich mache ein Video und niemand wird es sehen, nicht nur deshalb, weil sein ästhetisches Programm es vorsieht, nur sehr wenig sichtbar zu machen. Meine Qualifikationen erlauben mir ein gewisses Maß an Reflexion, sodass ich gewisse Formen der Bebilderung von jüdischer Vernichtung obszön finde. Ich möchte mir die Obszönität der quellenden Bilder wie etwa in der amerikanischen Fernsehserie HOLOCAUST verbieten. Ich behaupte, dass es die Größe des audiovisuellen Mediums sein kann, seine Grenzen an Ausdruck zu akzeptieren und den Tod durch Darstellung nicht zu provozieren.

AD MARGINEM besteht aus fünf Teilen, es ist die Imitation eines Körpers. Zwei Beine, zwei Arme und ein Rumpf samt Kopf. Aber es ist ein beschädigter Körper, dessen Organe rudimentär noch vorhanden sind, jedoch nicht intakt. AD MARGINEM zeigt sich mit der größten Würde, die dem Krüppel zueigen sein kann. Ich schreibe diese Erfahrung einer Beschädigung an den Rändern der Bilderströme ein und kann nicht gesehen werden. Das Vernichtet-Worden-Sein: Kann es denn als Memento aktivierbar gemacht werden? Ich glaube nicht und sehe darin meine große Chance. Ich bin kein Opfer, ich gehöre nicht zur Tätergeneration, selbst meine Eltern gehören zu den Nachgeborenen. Und doch gibt es diese vergiftete Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, die meine Sozialisation ganz wesentlich mitbestimmte und als Zentrum Auschwitz ausweist. Ich suche mein Heil im indirekten Ausdruck.

2.

Die Nationalsozialisten haben sehr wenig Bilder vom Grauen sich zu machen getraut, es gab ein Tabu des Machens von Bildern des Todes und des Tötens. Vielmehr ist das Bild der jüdischen Vernichtung im Nationalsozialismus in der Perversion eines Kulturfilms über die Pflege jüdischen Lebens gebannt der Index der Bilder sollte sich in sein Gegenbild verwandeln. Nachdem die Nationalsozialisten Holland okkupiert haben, wurde der 1933 aus Deutschland geflohene jüdische Filmregisseur KURT GERRON gefangen genommen, und ihm wurde der Zwang auferlegt, einen Film mit dem Titel DER FüHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT zu machen, das Geschenk des Führers war das Konzentrationslager Theresienstadt. Nach der Fertigstellung des Films wurde GERRON umgebracht. Der Film zeigt das Lager als fröhliches Soziotop einer besonderen Rasse. Jüdinnen schneidern die KZ-Kleider und nähen die Davidsterne an.

3.

HARUN FAROCKI zeigt in seinem Film DIE BILDER DER WELT UND DIE INSCHRIFT DES KRIEGS (1987) genau die paradoxe Bewegung, dass der Komplex jüdischer Vernichtung zu seiner Bewältigung - doch er lässt sich ja nicht bewältigen - die fehlenden Bilder ergänzen muss, aber nicht kann. Eine ewige Unruhe droht, eine Form der Dialektik der Aufklämng kommt in Schwung. Alle lnteressensgruppen machen sich diese Unruhe zueigen. Um sie an den Pol der Aufklärung oder den des Vergessens zu ziehen.

4.

Nichts. Leerstelle.

5.

Der mosaische Glaube fordert das Bilderverbot. Moses und Aron, SCHÖNBFRGs Fragment gebliebene Oper, thematisiert den Konflikt. Moses repräsentiert mit den steinernen Gesetzestafeln das Bilderverbot, sein Medium ist die Schrift. Aron repräsentiert mit seinem Gesang, der bilderproduzierend ist, den Tabubruch.

6.

Ad Marginem ist der Titel eines Bildes von PAUL KLEE. Der Scardanelli-Zyklus (1975/85) des Schweizer Komponisten HEINZ HOLLIGER ist eine Auseinandersetzung mit dem Spätwerk von HÖLDERLIN. Der 20.Teil der 22-teiligen Komposition ist mit dem Titel von KLEEs Bild überschrieben. Vom Tonband hört man höchste und tiefste Frequenzen, die jeweils über einen Lautsprecher laufen. Die Ohren des Publikums sind gefordert im größtmöglichen Hörraum. Ein Teil der Instrumentalisten versucht sich dem tiefsten Frequenzton anzunähern, ein Teil dem höchsten. Beide Extrempunkte des Hörens können aber nicht erreicht werden, und die Instrumente verstummen. So verhält es sich mit der visuellen Darstellung und der Hörbarmachung der jüdischen Vernichtung. Je näher man ihr kommt, desto mehr versagen die Ausdrucksmittel.

Beim späten HÖLDERLIN, dem Turminsassen, gibt es ein Gedicht, das auf den Tag der Wannsee-Konferenz datiert ist.

In dieser assoziativen Form stößt KLEE an HOLLIGER und HOLLIGER an Hölderlin. Und ich assimiliere einiges davon. Ich stehe vor einem Bassin mit verschiedenen Fischen. Sie steigen bis nahe unter die Oberfläche auf und mein Blick auf sie ist klarer; sie sinken wieder auf den Grund hinab und ich verliere sie aus den Augen. Ich bin blind für sie oder der Brechungswinkel ist so groß, dass ich beim Versuch, die Fische mit der Hand zu greifen, scheitere. Doch es geht mir nicht unbedingt um Treffer, sondern um die Transparenz des Zugriffes, den ich anstelle. Das ist, so glaube ich, die Möglichkeit, nachgeboren, Auseinandersetzung mit dem Thema haben zu können. Befreit von der Moral.

7.

GODARD sagt 1978/79: "Ich möchte (den Film über die Konzentrationslager) als Superproduktion machen, einen richtigen Spektakelfilm, und natürlich wird niemand das machen wollen. Ich werde ihn nie machen, weil er zu teuer würde, so wie es sehr teuer war, sechs Millionen Menschen umzubringen. Selbst 400 pro Tag umzubringen, kostet schon was. Das muss ordentlich organisiert sein, eine richtige Superproduktion."

8.

Mein Großvater väterlicherseits war ein konservativer gottergebener Landwirt und kein Anhänger der Nationalsozialisten. Er wurde noch im Frühling 1945 vom Dorfnazi in den verlorenen Krieg gejagt, aus dem er nicht zurückkam. Dem Misthaufen des Gehöfts meines Großvaters galt im Dorf große Verehrung, weil er eine zu früh abgeworfene Bombe der Amerikaner erstickte, sodass sie nicht detonierte. Die Bombe galt den Hermann-Göring-Werken der Stadt Linz, die Eisen und Stahl produzierten. Linz war Hitlers Lieblingsstadt, er wollte sie zur Kulturhauptstadt des Dritten Reiches machen. In Linz habe ich in einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen meinen Zivildienst abgeleistet. Die Einrichtung befand sich in der Glaubackerstraße - eine Straße zum Gedenken an den führenden Nazimaler der Gegend. Euthanasie und Reinheit. Der Misthaufen stand in einem Dorf mit dem Namen Ansfelden. Dort wurde der Komponist ANTON BRUCKNER geboren. Die Nationalsozialisten ehrten ihn in der Regensburger Walhalla, sein Germanenzug genoss in der Kulturpolitik der Zeit höchstes Ansehen.

9.

1991 bereits wollte ich die Arbeit an AD MARGINEM aufnehmen, ohne dass es damals die jetzige Form hätte finden können. Ich lernte sehr zufällig ARNOLD SCHÖNBERGs Oratorium "A survivor of Warsaw" (1947) kennen, weil ich eine CD erstand mit der Pelleas et Melisande-Komposition, die der frühen romantischen Phase von SCHÖNBFRG zuzuschlagen ist. Den Survivor hörte ich in einer Zeit, in der im Neuen Deutschland aktuell geworden ist, was in einer gewissen Schicht als "Fidschis
aufklatschen" kursiert. Ich wollte ein sehr kämpferisches Video machen, fand aber in der Figur des Bundesinnenministers meinen Lehrmeister in Fragen der Radikalität. Er war es, der zur Lichterkette aufrief. Wenn er aber zur Lichterkette aufruft, was sollte ich tun? Warten!

10a.

1992 fuhr ich das erste Mal nach Polen und hielt mich in Warschau auf. SCHÖNBERGs SURVIVDR klingt mir im Ohr und Threnos, die Auschwitz-Komposition von PENDERECKI. Ich photographiere im Gelände des Judenghettos. Doch es gibt nichts zu photographieren, denn die Vernichtung ist so restlos geschehen. Was sich zeigt, ist nachgetragene Musealisiemng. Gibt es eine Erinnerung ohne materielle Konstruktion, die von Bestand sein könnte?

Willy Brandt auf den Knien vor dem Mahnmal von NATHAN RAPPAPORT fällt mir ein.

Ich bin zufrieden mit meinen Photographien, doch dem Video sind sie nicht dienlich. Ich verwerfe sie.

10b.

1993 bin ich wieder in Polen. Am Meer. Ein kleiner Badeurlaub. Ich esse guten Fisch und fahre mit dem Zug zurück nach Berlin. Polnische Männer schmuggeln Zigaretten, eine junge Polin stellt sich schlafend; sie wird vom deutschen Schaffner geweckt und hält ihm eine Handvoll Münzen entgegen. Das Fahrgeld ist abgezählt.

10c.

1994 fahre ich zum dritten Mal nach Polen, eine Städtereise nach Lodz. Nach der Grenze werde ich von Knaben umlagert, die Geld und Zigaretten wollen. Sie beschimpfen mich in ihrer Sprache und glauben nicht, dass ich sie verstehe. Zumindest dies eine Wort verstehe ich:

"Hure".

Ich photographiere mit einem Polaroid-Image-Apparat im ehemaligen Judenviertel und am jüdischen Friedhof Ich glaube nicht mehr daran, daß die shoah zeigbar ist, ich glaube nur noch an den warmen

Hauch aus dem Mund, der kurzweilig eine Fensterscheibe beschlägt und sich wieder verflüchtigt. Es ist Ende Oktober, Anfang November. Nieselregen fällt und ein kalter Wind weht. Viele Leute sind unterwegs zu den katholischen Friedhöfen, um am Allerheiligen- oder Allerseelentag der Toten zu gedenken. Kränze, Zweige und Lichter werden vor den Portalen verkauft. Die Polizei patroulliert. Ich suche das Portal des jüdischen Friedhofs, das nicht einfach zu finden ist. Es ist sehr still, nur Vögel lärmen in den Baumkronen. Ich sammle Töne mit einem Aufnahmegerät. Es steht auf Grabsteinen und nimmt die Vogelschreie auf. Es steht auf Fensterbrettern und nimmt das Kreischen der Straßenbabnräder, die sich in die Schienen einschneiden, auf. Ich stehe einige Meter vom Aufnahmegerät entfernt; Jugendliche glauben an einen großartigen Fund und wollen es mitnehmen.
Abends sehe ich im Kino TRUE LIES mit ARNOLD SCHWARZENEGGER und JAMIE LEE CURTIS. Der Film ist ein Ereignis und es ist nicht selten, daß 4ojährige Ehepaare in guter Abendgarderobe sich einstellen. Im Foyer läuft MTV. Nach dem Kinobesuch treffe ich auf der Straße zahlreiche betrunkene Männer an, die von ihren Frauen gesucht werden. An einigen Stellen sind die Straßen aufgegraben. Die Löcher sind drei Meter tief. Ein Betrunkener ist in ein solches Loch gefallen und kommt nicht mehr heraus. In einer Unterführung steht ein verwachsener kleiner Mann mit Klumpfuß, der einer Frau mit kindlichem Gesicht den Pullover hochzieht. Sie kichert und er steigert sich in ein hysterisches Lachen hinein, das auch mir gilt, als ich vorübergehe. Der Mann bittet mich in mehreren Sprachen um Geld und Zigaretten. Ich gebe ihm Geld, er zieht seine Hose herunter und entblößt sein Glied. Dann wendet er sich wieder der Frau zu und sie umfassen sich. Ich gehe in die Discothek und trinke und tanze. Es sind fast ausschließlich Paare und Cliquen anwesend. Weit nach Mitternacht kommen zwei junge Frauen, die in schwarzes Leder gekleidet sind. Sie setzen sich zu mir und wir können nicht miteinander sprechen. Ich bezahle ihre Drinks.

Lodz ist unendlich traurig. Eine einsame Stadt, die die Reiseführer kaum erwähnen. «Graue Industriestadt« heißt es.

11.

Wieder in Berlin. Ich sehe einen Film des im New Yorker Exil lebenden JONAS MEKAS: REMINISCENCES FROM A JOURNEY TO LITHUANIA. MEKAS besucht 1971 Litauen und zeichnet die Wege seiner Flucht vor den Nationalsozialisten nach. In der Nähe von Hamburg war er nach seiner Gefangennahme in einer Munitionsfabrik als Zwangsarbeiter eingesetzt. Er bricht aus und versteckt sich bis zum Kriegsende in Heuschobern in Schleswig-Holstein. Wieder in Hamburg begegnen ihm vor der Fabrik, die durch eine neue ersetzt wurde, Kinder, die "Ausländer, Ausländer" rufen. Die Bolex filmt aus dem langsam fahrenden Wagen heraus, am Gehsteig laufen die Kinder und lächeln. MEKAS spricht einen Kommentar, im Tempo des Herzschlags des Getriebenen. Er
spricht englisch mit sehr starkem Akzent: "Run, children, run. Run for your life. Run. I was running too. Running for my life. Children! Run! Run!" Ich weiß ab diesem Zeitpunkt spätestens, dass AD MARCINLM keinen vitalistischen Herzschlag mehr hat, sondern nur einen künstlichen. AD MARGINEM ist ein Video im Koma, es muss permanent am Leben gehalten werden durch Zufuhr von Materialien, die den Vernichtungskomplex beschreiben. Beschriften - besser Beschriften als Bebildern.

12.

Einem Film von ARTUR ARISTAKISJAN, einem jungen Moldawier, LADONI/HANDFLÄCHEN (1993) sein Titel, entnehme ich ein Standbild, das einen Mann zeigt, der das Konzentrationslager überlebte und fortan dem Leben sich verweigerte. Er lebte mit Tauben auf einem Speicher. Welches Leben gibt es nach dem Leben im Konzentrationslager? ARISTAKISJANs Film, den ich dreimal sah bei der Berlinale 1994 das erste Mal unter Tränen, zerfällt in zwei Teile zu je fünf Kapiteln. AD MARGINEM ist ein permutierter Kristall von LADONI. Ein Ganzes aus fünf Teilen, aber doch Segmentationen. 1990 realisierte ich ein Video, das mit einer Visualisierung von BENJAMINs Gedanken eines Erfahrungsgewinns befasst ist. Sein Arbeitstitel ist DAS DIALEKTISCHE BILD. Es ist vollgestellt mit sinnlichen Bildern. Es schäumt. AD MARGINEM ist die Invektive dazu. Bei GOETHE heißt es einmal mit den Händen sehen zu wollen, mit den Augen berühren zu wollen. Dieses Unterfangen unternimmt LADONI. AD MARGINEM will das auch, kann aber nicht mehr, es tastet blind. ARISTAKISJAN ist ein Heiliger. Ich möchte ihn gerne besuchen in Moskau.

13a.

Gibt es einen Umgang mit den audiovisuellen Medien, der es sich erlauben könnte, auf Tradition zu verzichten?
Scheinbar ja, denn die Euphorie im Neuen Deutschland um STEVEN SPIELBERGs SCHINDLERS LISTE markiert so eklatant das Vergessen einer gewissen Traditionslinie, die mit den Strategien der Aufklärung beschreibbar wäre. Ganze Schulklassen werden in die Kinohöhle getrieben, wie die Juden zu Hunderten ins Gas. Sechs Millionen Schüler und Schülerinnen gegen sechs Milionen Juden und Jüdinnen. Deutschland ist quitt. Nolte hat den Anfang gemacht. Das deutsche Feuilleton feiert mit aller ldiotie SCHINDLERS LISTE und wirft den deutschen Filmemachern und -macherinnen vor, nicht geschafft zu haben, was der Jude SPIELBERG vorgelegt hat. Ist denn kein Gedanke schmutzig genug, um gedacht werden zu können? Gewiss gibt es und gab es zahlreiche Macher und Macherinnen, die das Thema ruhen lassen wollten, doch auch genug, die es ruhen lassen mussten.

Welchen Status hat das Ungemachte? Eine Geschichte der Audiovisionen, die ohne materielle Träger auskommt, ersinnen. Sie erfinden.

13b.

Was taugt ein Video zur Shoah ohne Kenntnis von RESNAIS' NACHT UND NEBEL? Zum Komplex des Schweigens ist anzumerken, dass es dem Deutschen Auswärtigen Amt gelungen ist, den Film 1955 vom Filmfest in Cannes (!) abzusetzen. Der Film durfte 15 Jahre etwa in der BRD nicht aufgeführt werden. Die Angst vor den Bildern? Die Musik ist von HANNS EISLER. Doch ein Deutscher, der tat, womit SPIELBERG erstmals befasst ist? Im Film sind Materialien der Kameraleute der Roten Armee eingearbeitet, die die Befreiung von Auschwitz zeigen. Doch auch diesen Bildern ist die Authentizität entzogen. Die Häftlinge waren so erschöpft, dass sie erst eine Woche gepflegt werden mussten, um gefilmt werden zu können. Kommt man nicht näher an das Grauen heran, als diese Bilder es vermögen? Die Kameramänner erzählen nach 50 Jahren unter Tränen von der Befreiung des Konzentrationslagers. PRIMO LEVI, ein Auschwitz-Überlebender, schrieb und brachte sich um.

13c.

Und HUILLET/STRAUB sind nicht zuletzt aus Deutschland weggegangen, weil es Ihre Einsicht war, dass die Auseinandersetzung mit prekären Themen den Entzug von Fördergeldern nach sich zieht. 1972 machten sie ARNOLD SCHÖNBERGS BEGLEITMUSIK ZU EINER LICHTSPIELSCENE für den Süd-West-Funk Baden Baden. Darin werden zwei Briefe von SCHÖNBERG an KANDINSKY rezitiert, die bereits 1923 um die Frage jüdischer Vernichtung kreisen. SCHÖNBERG lehnt ein Angebot KANDINSKYs ab, am Weimarer Bauhaus die Kompositionsklasse zu übernehmen, mit dem Verweis, dass reaktionäre Kräfte dort am Werk seien. KANDINSKY beschwichtigt, dass dem so sei, aber ihnen, den prominenten Juden, keine Gefahr drohe. SCHÖNBERG bricht den Kontakt zu KANDINSKY ab, der so herzlich begann, nach dem Besuch eines SCHÖNBERG-Konzerts durch KANDINSKY in München. Ergriffen von der Musik wandte KANDINSKY sich schriftlich an SCHÖNBERG und wollte ihn kennenlernen. Er war es auch, der die bildnerische Arbeit SCHÖNBERGs sehr forcierte. PETER NESTLER, er rezitiert die SCHÖNBERG-Briefe, machte Filme über die Vernichtung der Frankfurter Juden und ging nach Schweden, wo er bessere Arbeitsbedingunngen vorfand. Warum sind diese Filme nicht zu sehen? Warum kennt niemand NESTLER?

13d.

MARGARETE HEINRICH wurde im burgenländischen Deutschkreuz geboren. Im 30 Kilometer entfernten Rechnitz wurden zwei Wochen vor Kriegsende 180 jüdische Zwangsarbeiter umgebracht und in einem Massengrab verscharrt. Sie wollte darüber einen Dokumentarfilm machen, doch niemand sprach. HEINRICH hat sich 1994 umgebracht. Ihr Mitarbeiter EDUARD ERNE hat den Film fertiggestellt; er heißt TOT-SCHWEIGEN.

14

Am Wochenende vor Weihnachten 1994 habe ich alle Geräte bei mir, um die Materialien, die ich über Jahre sammelte, aufzunehmen. Ich höre das Weihnachtsoraeorium von BACH.

Ich verreise zwischen den Jahren nach Marienbad in Nordwestböhmen. Ich fahre in den Schnee und in die Stille. Ich wohne bei einem alten Ehepaar. Der Mann ist sehr einsam und begleitet mich auf meinen Spaziergängen. Er spricht gebrochen deutsch, weil er als junger Mann zum Arbeitsdienst in eine Munitionsfabrik nahe Leipzig geschickt wurde. Er wog 48 Kilo, als er nach Kriegsende nach Böhmen zurückkam. Ich möchte ihn nach den Spaziergängen in eines der Kaffeehäuser in das Zentrum der Kurstadt einladen, doch er widersetzt sich. Er möchte mit dieser Stadt, die seine ist, aber doch nur für Touristen, Touristinnen und Kurgäste da ist, nichts zu tun haben. Er umkreist ihr Zentrum, er wandert auf den es umgebenden Hügeln. Ich denke viel nach über die definitive Gestalt von AD MARGINEM.

Im Januar 1995 wird AD MARGINEM geschnitten und vertont. Es gibt wenige Rätsel, die Frage des Orts der jeweils ins Videobild eingeblendeten Wörter fordert die größte Aufmerksamkeit. Jedes Wort hat seinen Ort und fordert einen bestimmten Kontrast zur schwarzen Bildfläche. Neben dem Ort fordert das Wort eine ihm angemessene Größe und mehr oder minder andauernde Präsenz. Die Wörter forderten ihre Rechte ein. Erhörte Intensitäten.

Nach allem:

Blue. Blut. DEREK JARMANs BLUE.