Konkrete Lyrik für Bildschirme.
Video Edition Austria: eine Kollektion zur Historie heimischer Medienkunst. Das flimmernde Vierteljahrhundert der Video-Tapes.

STEFAN GRISSEMANN, Die Presse 2.2.1994

Die Videokamera, an einem ferngesteuerten Vehikel festgeschnallt, auf der Reise durch die künstliche Welt eines Einkaufszentrums - oder: Die Medienkünstlergruppe You Never Know rast mit einem Videoband namens 95 % (1992) durch die Bilder des Angewandten Konsumismus und dadaistisch gezerrten Kunstdialoge. Ein anderes Tape: Christoph Nebels Nobel (1988) weist auf die zentrale Bedeutung der Slow-Motion und Pause-Tasten hin, um fahrlässig verdichtete Worte, Geräusche, Bilder schließlich wie das Dynamit Alfred Nobels in die Luft gehen zu lassen. Und: Video und die Wörter, Text und Sinn in Julean Simons Der Heimcomputer will sein Gedicht aufsagen (1987), einem Band zur elektronischen Reibungslosigkeit eines Sprachprozessors. Drei Beispiele aus einer heute abend von den Aktivisten der Medienwerkstatt Wien präsentierten Video-Edition, die in zwei Boxen zu je fünf Kassetten (19 Stunden Laufzeit) ausgewählte Video-Art versammelt: Box 1 untersucht die reinen Kunstprojekte, Box 2 Crossover-Experimente mit dokumentarischen und narrativen Formen.

Es gibt gute Gründe für diese Kollektion: Das Material Video zerfällt, leidet an der unheilbaren Krankheit der Instabilität, die sich nur durch Transplantation auf neue Bänder, durch konsequentes Umkopieren aufhalten lässt. Mit der Video Edition Austria liegen nun einige der wichtigsten Kunst- und Dokumentar-Tapes in zumeist bestechender technischer Qualität vor; und historische Arbeiten der Jahre 1969-73 - Weibel, Export, Bechtold - bleiben damit, trotz deutlicher Verfallserscheinungen, sichtbar.

Die Kunst-Edition: Blicke in die ferne - und seltsam verschwommene, video-gebleichte - Welt der aktionistisch-masochistischen Sozialkritik Valie Exports (Hyperbulie, 1973), Reisen in die New-Wave-Computer/Video-Images der Achtziger (Graf/ZYX; Bielz/Schnell) und zu neuen, persönlichen Tapes: von Gerald Harringers grellem Realhorror (Tagata) und Anna Steiningers Mensch/ Maschinen-Abstraktion Going Nowhere Fast bis hin zu The Drift of Juicy, Ursula Pürrers hermetischer Reflexion von Narzißmus und Videotechnik. Die Dokumentar-Edition konzentriert sich auf formorientierte Arbeit in der Annäherung an externe Events: Bänder von Gustav Deutsch, Gerda Lampalzer, Manfred Neuwirth und Michael Pilz finden sich (neben vielen anderen) in dieser Sektion.

Die Video Edition Austria lässt sich zugleich als Ausstellung und als persönliche Videothek, als Informationskompression für Enzyklopädisten begreifen: als Rückblick auf 25 Jahre Medienkunst, auf eine - gerade auch von ihrem eigentlichen Ziel-Medium, dem Fernsehen - radikal ghettoisierten Kunstform.

Präsentation/Party: heute, 21 Uhr, Medienwerkstatt Wien, Neubaugasse 40 A. Tel.: 526 3667! Sämtliche Tapes zur Ansicht.