"Videoedition Austria": Archivbestände einer digitalen Gründerzeit

Michael Palm, Der Standard 2.2.1994

Zu retten, was für ein Archiv zu retten ist, bevor Filmstreifen und Silberschicht zerfallen und aus der Geschichte buchstäblich wegbröckeln - diese Sisyphusarbeit zum Gedächtnis des Audiovisuellen zu tun, schien bislang nur für die Kinematographie notwendig. Nun, nach gut zwei Dekaden Videographie, bleiben auch magnetische Speichermedien vom Zahn der Zeit nicht verschont. Der Ansatz der Medienwerkstatt Wien im Rahmen ihres Projekts Videoedition Austria ist daher zunächst pragmatisch: Umkopierung und umfassende Archivierung von in Österreich unabhängig produzierten Arbeiten der letzten 25 Jahre. Sie kommen überwiegend aus den Umfeldern der Hochschule für angewandte Kunst, der Medienwerkstatt und der Linzer Stadtwerkstatt.

Qualitativ entspricht die erste Folge der fast zwölfstündigen Videoedition einer historischen Aufbereitung des Materials nach ästhetischen Gesichtspunkten. War Video am Ende der 70er Jahre vor allem taugliches "Gegenmedium" für Alternativbewegungen, so erlangte es in den 80ern mit digitalen Bildtechniken und der Integration in Performance und Installation zunehmende Bedeutung.

Stets stellte sich das Problem eines Vertriebs abseits von Festivals und Medienwerkstätten, zumal das Fernsehen mit wenigen Ausnahmen als Spielstätte notorisch auslässt. Eine kompakte, käuflich erwerbbare Anthologie soll nun zu besserer Sichtbarkeit verhelfen. Dementsprechend gliedert sich das Programm der Edition in jeweils fünfteilige Kunst- und Dokumentar - Blöcke mit angeschlossenem Video-Katalog.

Spannend ist eine derartige Systematik umsomehr, als Video als kohärentes Medium zusehends aufgeweicht wird. In seinen Audiovisionen spricht der Medientheoretiker Siegfried Zielinski angesichts der Digitalisierung von Bildwelten - als ökonomischer Rationalisierung "überkommener" Weisen der Bildproduktion - von einer "Gründerzeit", vergleichbar mit den vielfältigen Basteleien und Bild-Apparaturen in der Frühgeschichte des Kinos.

Vermischungs-Ängste

Kino, Film, Video und Computer interagieren immer lebendiger, ohne dass ein Medium das andere völlig ablöste. Wo die letzten Hardcore-Cineasten noch die Reinhaltung der Leinwand von Neuen Medien fordern, scheut das elektronische Flimmerbild den materialübergreifenden Umgang schon weniger. Trotzdem stieß beim freiburger videoforum die Präsentation nicht-linearer Bildsysteme (Avid) auf Unbehagen: "Lasst uns unser gutes altes Video!"

Bleibt die Frage nach der Position, die gegenüber der - vor allem von der Kulturindustrie betriebenen - Unterwerfung des Audiovisuellen unter einen Code eingenommen werden soll, ohne in apokalyptischem Pessimismus dahinzujammern. Wie auch immer; selbst wenn die Entwicklung der Audiovision zunehmend Versiertheit und Multifunktionalität verlangt: Innehalten ist auf jeden Fall angebracht. Heute wird die Videoedition Austrio um 21.00 präsentiert: Medienwerkstatt Wien, 7., Neubaugasse 40a.